Kirchenkrise – unsere Chance!

Aufbau einer Leitungsstruktur für die Ortsgemeinden im Bereich der kathlischen Kirche in Grevenbroich und Rommerskirchen

Vorüberlegungen

  1. Wir spüren Symptome einer tiefgreifenden Krise: Gottesdienste und Veranstaltungen werden schwächer besucht, bei vielem fehlt die jüngere Generation. Immer weniger Menschen wollen und können bislang anstehende Aufgaben übernehmen. Wir merken, dass nicht alles bestehen bleiben wird. Bei vielen herrscht Unzufriedenheit und Freudlosigkeit.
  2. Es gibt die Versuchung, in der jetzigen Situation nur das Schlechte zu sehen. Das wird der Wirklichkeit nicht gerecht, denn jede Zeit ist Gottes Zeit und hat ihre Chancen für das Evangelium. Möglicherweise erkennen wir jetzt genauer, worauf es für uns ankommt und was unsere Rolle in unserer Gesellschaft ist?

  3. Die Ortsgemeinden sind der erste Ort kirchlichen Lebens, nicht die Ebene des Seelsorgebereichs oder des Sendungsraums. Letztere sind nur unterstützend. Die Ortsgemeinden sollen also bleiben, wenn sie es wollen. Es stellt sich aber die Frage: Was ist notwendig, damit die Gemeinden lebensfähig bleiben?

  4. Der Konkurrenzkampf zwischen den Gemeinden ist von Gestern. Es geht nicht um eine gerechte Verteilung knapper Ressourcen, sondern es gilt wahrzunehmen, dass die Herausforderungen überall die gleichen sind. Ein ehrlicher Blick auf das, was uns fehlt, öffnet uns füreinander. Wir müssen aufhören, Schuldige für die Misere zu suchen.

  5. Wir möchten ein stärkeres Bewusstsein für die Sendung und die damit verbundenen Aufgaben einer Gemeinde in ihrem Ort wecken. Wir dürfen uns da in der Zukunft mehr zutrauen. Wir fragen uns: Was sind die wesentlichen Lebensbereiche einer Gemeinde? Was ist das Mindeste, was es für das Weiterleben braucht? Auf was dürfen wir uns konzentrieren? Wofür wollen und sollen wir heute als Kirche da sein? Wozu braucht der Herr uns? Was kann belebt werden? Was sind Erwartungen und Wünsche, die wir nicht mehr erfüllen wollen? Das Gemeindeleben wird stärker Pionierarbeit, die Wege zu erkunden, auf die Gott uns heute ruft. 

  6. Unsere Gottesdienste brauchen einen stärkeren Bezug zum Leben vor Ort: Was liegt an?  – Sorgen, Nöte, Dank; die schwierige Situation unserer Region. Hier wollen wir ein Zeichen der Hoffnung setzen.

Die Zukunft sichernde Grundstruktur

Vor diesem Hintergrund möchten mit Ihnen über eine die Zukunft sichernde Grundstruktur unserer Gemeinden ins Gespräch kommen: 

 

In jeder unserer Gemeinden haben wir einen Ortsausschuss (unterschiedliche Bezeichnungen) und einen Kirchenvorstand. Die Zusammenarbeit läuft mancherorts sehr gut, mancherorts aber aneinander vorbei. Außerdem gibt es mancherorts eine Koordinations- oder Sprecherstruktur, andernorts aber keine festen Ansprechpersonen. Um die Leitungs- und Gestaltungskompetenz vor Ort einfacher und wirksamer zu gestalten und eine Vernetzung zwischen den Gemeinden zu ermöglichen, möchten wir in die bestehende Struktur ein stärkendes Element einfügen:

 

Wir schlagen den Aufbau lokaler Leitungsteams vor, zur Stärkung der Ortsteams und dessen, was schon da ist, aber auch zur Weiterentwicklung der Gemeinde und auch einer stärkeren Arbeit mit dem Kirchengebäude. 

 

Dieses Leitungsteam muss nicht alles organisieren, sondern im Blick haben, wo die Gemeinde auf einen guten Weg kommt. Konkreten Aufgaben können delegiert werden. Im Französischen spricht man nicht von „Leitung“, sondern von „Animation“, d.h.  „Belebung“: Den Blick dafür schärfen, wo Gott unter uns wirkt, wozu er uns ruft. Wir dürfen lernen, Gott in allem zu finden. Leitung ist nicht in erster Linie Organisation des Bestehenden, sondern Anstoßen zur Entwicklung. 

 

Konkret sind fünf Dienste in der Leitung der Gemeinde vor Ort nötig (auch Pfarrer und Seelsorger üben einen Dienst aus). Wir wählen dafür die Bezeichnung „Kontaktmenschen“. Es geht darum, Menschen in Kontakt miteinander zu bringen, und dabei immer mehr zu versuchen, mit dem Geheimnis Gottes in Kontakt zu kommen. So entfalten die Dienste letztlich unsere Kraftquellen und machen Freude. Kontakt geht nach „Innen“ und „Außen“.

Das Leitungsteam setzt sich aus folgenden Kontaktmenschen zusammen:

(die aufgelisteten Aufgaben sind Anregungen und Beispiele, was in den Blick genommen werden könnte, keine Aufgabenliste.)

 

  1. ModeratorIn /Kontaktmensch der Gemeinde:  Ansprechpartner für Seelsorger, andere Gemeinden / Sprecher nach außen / Kontakt zu anderen Gruppen oder Vereinen im Ort / Koordination von Treffen des Leitungsteams / Vertretung der Gemeinde auf dem Schützenfest

  2. ein Mitglied des KV (Kirchenvorstand)

  3. Kontaktmensch(en) für den Dienst des  Gebetes: wahrnehmen, was vor Ort geschieht, und das ins Gebet bringen (z.B. sonntägliche Fürbitten sammeln); Bittprozessionen / Wortgottesdienste / Gebet für Verstorbene / Gebete in Notlagen / Wallfahrten / Gebetsanliegen in der Kirche sammeln / Beiträge aus der Gemeinde in der Sonntagsliturgie / experimentieren mit neuen Gottesdienstangeboten

  4. Kontaktmensch(en) für den Dienst der Glaubensvertiefung und Glaubensweitergabe (Diese Frage wird immer wichtiger werden: Der Glaube war immer wie selbstverständlich da – das ist aber nicht mehr der Fall. Glaubensweitergabe ist unsere gemeinsame Aufgabe) Was sind unsere Fragen? Wie können wir uns gegenseitig im Glauben stärken? Was wollen wir weitergeben? Wie können wir uns austauschen? / Austausch über Predigt / Gesprächsrunden / Freude am Evangelium entdecken: Bibellektüre in einer Gruppe/ Taufvorbereitung / Familiengottesdienste / Aufbau von Hauskreisen / Geistliche Nahrung erschließen / Vernetzung mit Weiterbildung / Einübung in Gebet / Wer könnte Katechet werden? / Kontakt zu Grundschulen / KiTa / Kirchenöffnung organisieren / Arbeit mit dem Kirchengebäude (z.B. Führungen, Entdeckungen mit Kindern) / wie können wir Christus, der unter uns lebt und unseren Ort liebt, mehr kennenlernen?

  5. Kontaktmensch(en) für den Dienst der Nähe und Gemeinschaft / Solidarität und helfende Gemeinschaft / Krankenbesuche / wo wird Hilfe gebraucht? / Nachbarschaftshilfe / gemeinsame Essen für Alleinstehende / Krankenkommunion / Kontakt mit sozialen Initiativen /Kirchenkaffee / 1-Welt-Projekte / Fairer Handel / Klimagerechtigkeit / das Kirchengebäude für soziale Initiativen öffnen

Zur konkreten Umsetzung

  1. Die Mitglieder des Leitungsteams werden berufen. „Berufen“ bedeutet, dass vorher gemeinsam überlegt und gesucht wird, wem wir eine solche Aufgabe zutrauen bzw. anvertrauen möchten. Gott vertraut uns. Er stattet Menschen mit Fähigkeiten aus, und diese gilt es zu entdecken. So rief Jesus seine Jünger. Das heißt selbstverständlich auch, dass man sich selbst für einen solchen Dienst vorschlagen kann.

  2. Jeder Dienst kann auch zu zweit oder zu dritt übernommen werden. Drumherum kann eine Gruppe entstehen.

  3. Die Beauftragung (außer des KV) beläuft sich auf ein Jahr (könnte auf bis zu drei Jahre verlängert werden?). Dann muss ein Wechsel stattfinden– nach zwei /drei Jahren Pause könnte man das Amt wieder übernehmen

  4. Die Ortsausschüsse bestehen in der bisherigen Form weiter. Das Leitungsteam der Kontaktmenschen steht dem Ortsausschuss vor.
  5. Die Kontaktmenschen im Leitungsteam können, aber müssen nicht Mitglieder im Ortsausschuss gewesen sein. Könnte so eine solche Aufgabe auch für Leute interessant sein, die neu hinzukommen? Es gehört zum Wesen einer christlichen Gemeinde, dass sie Neue aufnimmt und dass diese gleichberechtigt mitgestalten können.

  6. Leiten heißt nicht bestimmen oder alles organisieren oder für alles verantwortlich sein müssen, sondern ermöglichen und gemeinsame Entscheidungen herbeiführen

  7. Aufgaben werden also nicht auf die Kontaktmenschen abgewälzt, sondern diese entscheiden selbst, was sie für wichtig halten. Es gibt kein „Pflichtprogramm“ mehr. An erster Stelle steht das Vertrauen, dass unsere Leute diesen Aufgaben gewachsen sind. Es geht nicht darum, eine Erwartung der Anderen zu erfüllen, sondern dem Ruf zu folgen, den Gott an jeden Menschen persönlich richtet. Was mir tiefe Freude macht ist das, wozu Gott mich ruft.

  8. Jeweils einer aus dem Seelsorgeteam hält Kontakt zum örtlichen Leitungsteam.

  9. Wir brauchen Weiterbildungsangebote vor Ort für Menschen, die diese Dienste übernehmen möchten.

Zeitrahmen

Die Umsetzung dieser Strukturen in den jeweiligen Gemeinden sollte innerhalb der nächsten drei Jahre erfolgen. 

Beauftragungsfeier

Es gibt eine offizielle Beauftragung der neuen Kontaktmenschen eines Leitungsteams in einem Gottesdienst, damit klar ist, dass es sich um ein offizielles Amt handelt. Diese findet einmal im Jahr für ganz Grevenbroich/Rommerskirchen als eine gemeinsame Beauftragungsfeier all derer, die neu ein solches Amt übernehmen. Außerdem werden die jeweils Neuen im Gottesdienst der Gemeinde vor Ort vorgestellt.

Vorteile für die Gemeinde

  1. Klare Ansprechpersonen für einen begrenzten Zeitraum.
  2. Keine Überforderung im Ehrenamt durch Erwartungshaltungen, sondern verantwortungsvolle Freiheit, etwas auszuprobieren.
  3. Keine Verfestigung von Ämtern – es steht und fällt nicht mehr alles mit bestimmten Personen. Man darf auch wieder aufhören.
  4. Unsere Ortsgemeinden haben eine Sendung. Es geht nicht bloß um den Erhalt des Bestehenden. Die Gemeinden werden sich erhalten, wenn sie ihre Sendung entdecken. 
  5. Eine deutliche Akzentverschiebung zu alltäglichen christlichen Aufgaben. Die Organisation von Festen ist nicht mehr Hauptaufgabe. Der Bedarf daran scheint bei vielen Menschen rückläufig zu sein, was unsere Pfarrfeste leider oft zeigen.
  6. Durch das Leitungsteam erfolgt auch eine Repräsentanz der Gemeinde nach außen, z.B. bei Schützenfesten oder im Kontakt zu den anderen Gruppen im Ort, was die Seelsorger nicht mehr schaffen.

Wir halten diesen Weg für alle Gemeinden für notwendig.

Wir halten diesen Weg für alle Gemeinden für notwendig. Wenn wir uns nicht auf diesen Weg begeben, besteht die Gefahr, dass manche unserer Gemeinden in den nächsten 10-20 Jahren ausstreben werden. 

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