Warum jetzt aus der Kirche austreten?

In der jetzigen Situation überlegen viele, aus der Kirche auszutreten oder haben diesen Schritt schon vollzogen. Für mich als Pfarrer gehören sie zu unseren Gemeinden wie alle anderen – deshalb möchte ich mich hiermit an Sie besonders wenden.

Ich vermute, dass die Frage eines Kirchenaustritts in der jetzigen Situation nur für wenige eine Frage des Glaubens ist. Viele sagen mir, dass sie sich weiterhin und ausdrücklich als Christinnen und Christen verstehen, aber das, was sie von der Kirchenleitung ob in unserem Erzbistum oder anderswo wahrnehmen, nicht mehr mittragen können und vor allem nicht mehr mitfinanzieren wollen. Das bezieht sich nicht nur auf die Art und Weise der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und die damit verbundenen Pannen und Ungeheuerlichkeiten, sondern genauso auf aufgestaute überfällige Reformfragen oder als arrogant oder selbstzentriert rüberkommende drittklassige Amtsträger in der Führung, die sich für bessere Christen halten, aber kaum noch Bezug zur Basis haben. Wenn man das Bild der Herde verwenden möchte: Es sieht so aus, als sei es dort egal, dass die Herde auseinanderläuft. 

Alle diese Probleme hängen von der Sache her zusammen. Das ist wohl jedem von uns klar. Ich sehe die Probleme genauso, und sie gehen an die Substanz. Viele, auch, ich selbst, leiden an der momentanen Wirklichkeit der Kirche. Wozu soll man sich das antun? Für manche ist die Schmerzgrenze längst überschritten.

Aber - aus welcher Kirche kann man eigentlich austreten? Was verstehen wir unter Kirche? Die Institution? Oft wird „Kirche“ auf die Amtsträger reduziert, und manche davon verhalten sich auch so, als seien ausschließlich sie „die Kirche“. Das ist Amtsanmaßung. Ich selbst habe mich immer dagegen gewehrt, hier vor Ort „der Kirchenvertreter“ zu sein. Die Kirche sind wir hier alle. Kein Papst oder Bischof ist „mehr“ Kirche als ein einzelnes Gemeindemitglied. Ich wünsche mir da mehr Selbstbewusstsein. Wir dürfen die Kirche nicht denen überlassen, die sie zu einer Sekte verunstalten.

Ich selber möchte mich weder herausdrängen lassen noch selbst gehen, auch wenn ich sicherlich anderswo berufliche Perspektiven hätte. Warum will ich nicht aufgeben?

Die christliche Kirche ist für mich eine Erfahrungsgemeinschaft, die ich vor allem hier vor Ort konkret erlebe. Ich habe – und da hatte ich wahrscheinlich Glück – Menschen erlebt, die mir darin eine Lebenserfahrung und echte innere Freiheit ermöglicht haben, die ich mir selber angeeignet und für mich weiterentwickelt habe. Das ist für mich eine gestaltende Kraft in unsere Gesellschaft hinein. Kirche steht für alle, die diese Kultur leben und weitergeben. Ich bin aber froh, dass mir nie eine rigide Sexualmoral oder moralischer Druck vermittelt wurden, was aber wie ich weiß, manchen älteren von uns den Glauben vergiftet hat. Das war aber eine Karikatur der christlichen Botschaft. 

Ohne das Christentum und seine Spiritualität sehe ich langfristig die Gefahr eines großen Verlustes an Lebenskultur für unsere Gesellschaft. Für mich hat das Christentum eine spirituelle Kraft, aus der heraus wir die großen Herausforderungen der Zukunft angehen können, gerade auch die Klimakrise.  Der Club of Rome schreibt 2019, dass es für eine dauerhafte Lösung dieser Krise eine Änderung unsere Einstellung zur Natur braucht – eine spirituelle Revolution. Dafür steht für mich Christentum, ohne Abgrenzung.

Allerdings sehe ich dieses Potenzial durch die Realität in vielen Bereichen der Kirchenleitung blockiert, leider auch in manchen Gemeinden. Trotzdem müssen wir uns die Frage stellen: Wollen wir uns kaputtmachen lassen, was uns wertvoll ist? Möchten wir diesen reichen Erfahrungsschatz aufgeben? Lassen wir einen kulturellen Ausverkauf unseres Landes durch immer mehr Kirchenschließungen zu? Vielen hohen Amtsträgern liegt nichts an dem, was hier vor Ort in Gefahr ist.

Ich glaube nicht, dass ich einer Sache anhänge, die sich überlebt hat. Für mich ist die christliche Botschaft keine Sache von gestern, sondern etwas, womit ich Zukunft gestalten will. Der Glaube entwickelt sich im Wortsinn: Es entfaltet sich etwas. Katholisch ist kein konfessioneller Begriff, sondern bedeutet „allgemein / für alle“. Für mich ist eine weltweite Kirche ein Zeichen für eine geeinte Menschheit, die sich global und mit der Natur solidarisch weiß. Zu einer anderen Kirche übertreten ist für mich keine Alternative, weil ich wie viele andere darauf hinarbeite, dass alle Christinnen und Christen in Zukunft einen gemeinsamen Weg als Kirche gehen. 

Ich weiß nicht, ob Sie diese Gedanken für nachvollziehbar halten. Sie müssen das tun, was jetzt für Sie ansteht und aufrecht vor sich selbst bleiben. Aber eins möchte ich Ihnen versichern: Das, wofür die Taufe steht, verliert man durch einen Kirchenaustritt nicht. Die Taufe ist kein Mitgliedsausweis, sondern weckt eine innere Kraft. Sie ist eine Garantie, dass der Weg unseres Lebens ein gutes Ziel haben wird. 

Als christliche Gemeinde vor Ort fühlen wir uns deshalb weiter mit denen verbunden, die für sich mit der institutionellen Seite gebrochen haben. Seien Sie hier weiter willkommen! Ausdrücklich möchte ich abschließend noch erwähnen, dass auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, von uns beerdigt werden, wenn das von ihnen selbst oder den Angehörigen gewünscht wird. Tote begraben ist für uns ein Ehrendienst. 

Aber die Kirche möchte ich nicht begraben.

 

Ihr Pastor Meik Schirpenbach

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